Eigentlich paßte alles, ein gut besuchte Beerdigung gegen einen motivierten Gegner aus der Spitzengruppe und dann nach dem Ende mit Schrecken gezielt eine gute Regionalligamannschaft für den Wiederaufstieg zusammenbauen. Die Bruddler diskutierten nur noch über die Höhe der Niederlage. Aber nein, die Blauen hatten beschlossen, daß der Sarg noch nicht zu ist.
Sehr aggressiv kamen die Kickers aus der Kabine und die
Reutlinger fielen von einer Verlegenheit in die nächste. Blessin erzielte
schon nach 2 Minuten ein Tor, allerdings aus dem Abseits. Die
Bruddler auf der Tribüne lästerten natürlich gleich: "wenn's
zählt, hedder eh id droffa."
In der 4. Minute stand Blessin wieder genau
am gleichen Platz und versenkte die Kugel an der gleichen Stelle im Tor
und es zählte, 1:0.
Reutlingen kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, man
hatte zu Anfang den Verdacht, daß die Kickers die roten Trikots anhätten,
so umständlich, unsicher und einfallslos agierten die Gäste.
Die Kickers ließen nicht, wie sonst üblich
nach dem Führungstor, gleich locker, sondern blieben (im wahrsten
Wortsinne) am Ball und ließen keine Reutlinger Tormöglichkeiten
in den ersten 20 Minuten zu. Im Gegenteil, der Reutlinger Torwart Curko
ließ einen schönen Fernschuß durch die Fäuste gleiten
und dürfte in der Halbzeitpause eine Kerze für seinen rechten
Torpfosten angezündet haben, denn dieser rettete ihn vor einer Blamage.
Bleibt noch zu guter letzt eine schöne Kopfballchance
vom wie immer kämpferisch starken Heberle, der Djappa fast immer gut
im Griff hatte. Reutlinger Möglichkeiten in der ersten Halbzeit zu
erwähnen wäre reine Bandbreitenverschwendung.
Nicht viel besser erging es den Kreuzeichis in der zweiten
Halbzeit, die erste Chance hatten gleich wieder die Kickers, bei denen
Keuler nach einer gelben Karte und zwei hellroten Ermahnungen in der Kabine
geblieben war. Zobel war mutig und schickte den wenig spielerfahrenen Jago
Maric in die Abwehrschlacht, der seine Sache aber im großen und ganzen
gut machte.
Reutlingen wurde besser, ohne aber richtig zwingend zu
sein, zahlreiche Eckbälle verpufften, richtig eingreifen mußte
Ramovic (der schon im grün-weißen Wolfsburger Trikot antrat,
wahrscheinlich war das "W" nur mit einem Kickers-K überklebt) nicht.
Dafür steigerte sich der derbyübliche Kampf und Krampf. Nur dem
Fingerspitzengefühl des Leitenden war es zu verdanken, daß nicht
der Eine oder Andere vom Platz flog (auch Armin Veh, Reutlinger Trainer,
war ein Kandidat für einen Tribünenplatz).
Um es vorwegzunehmen, die Reutlinger schafften es nicht,
wenn auch mit ein wenig Pech, denn in der 75. Minute donnerte ein schöner
Fernschuß an den Kickers-Innenpfosten (es war der gleiche, der Reutlingen
in der ersten Halbzeit gerettet hatte, wäre doch gelacht, wenn der
Pfosten im Waldaustadion nicht was für die Kickers tun könnte!).
Auf der anderen Seite hatten die Kickers Mühe ein
vernünftiges Konterspiel aufzuziehen, nur ein- zweimal wurde es vor
dem Reutlinger Tor richtig gefährlich, der eingewechselte Silvinho
trug dazu allerdings nicht bei (hallo, Carnevale, bitte melde dich!).
Drei Punkte gewonnen, aber kaum Boden gut gemacht, das ist das Fazit dieses Wochenendes. Immerhin etwas Hoffnung für die beiden nächsten Spiele, beide daheim im Waldaustadion. Vielleicht kann man aus der Stimmung und der Erkenntnis, das auch die Mannschaften aus der Spitzengruppe nur mit einem Fuß gleichzeitig gegen das Leder treten können, etwas ableiten, daß zu einer kleinen Miniserie mit ein paar Siegen und den entsprechenden Punkten führt. Man wird sehen.
Die Meinung zum Schiedsrichter:
Da beide Parteien über ihn was zu bruddeln hatten,
muß er wohl gut gepfiffen haben. Sein tribünenseitiger Assi
ließ allerdings jeden Anflug von Zweiligatauglichkeit vermissen.
Bruddler des Tages:
Siehe Text.
Spruch des Tages:
Reutlinger Fanblock skandiert "Schieber."
"Hey guck mal, die Reutlinger rufen jetzt auch 'Kickers'"