"Und da laufen sie ein, die wackeren Recken. Die Heimmannschaft
der Kickers in feinen, blau-weiß gestreiften Leibchen, der weitgereiste
Gegner aus Hannover in Rot und Schwarz....". So oder ähnlich hätte
wohl vor 50 Jahren eine Bruddelpage angefangen, wenn es damals schon Internet
gegeben hätte (Bruddler gibt es schon immer!). Noch viel weiter zurückversetzt
fühlt man sich allerdings, wenn man sich das Umfeld der Kickers anschaut.
Gefragt sind nicht Ideen und Wille, sondern hochherrschaftliche Entscheidungen
und Jasagerei. Und so muß ein aufrechter Mann, nämlich Ex-Trainer
Linz den Stuhl räumen und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit durch
einen Trainer ersetzt, der in die Kategorie "netter Schwiegersohn" paßt
und mit seinem, finanziell wie die Kickers stark eingeschränkten,
Verein auf einem Abstiegsplatz steht.
Auch den Fans stank der Trainerwechsel und sie ermahnten
ADM mit einem "kein zweites Cannstatt"-Plakat und in der Tat, gewisse Ähnlichkeiten
zum Rausschmiß von Jogi Löw sind nicht zu übersehen.
Zum Spiel. Hannover 96, eigentlich der FC Erste Sahne
Afrika, aufgefüllt auf 11 Spieler, hat ja noch Chancen auf den Aufstieg
in die erste Liga, aber so präsentierten sie sich zunächst nur
die sehr zahlreich mitgereisten Fans. Sommerfußball beherrschte die
ersten Minuten. Nur der Schiedsrichter brachte mit einigen merkwürdigen
Anti-Kickers-Entscheidungen etwas Wallung in das Bruddlerblut.
Eher zufällig gingen die Kickers in Führung.
Adi Kevric, der einen seiner besseren Tage hatte, trat einen Freistoß
direkt aufs Tor und Torwart Sievers mußte nach 24 Minuten durch seine
eigene Armbeuge hindurch die bittere Erkenntnis vernehmen, daß er
sich gerade etwas blamiert hatte. Völlig unbeeindruckt spielten die
Hannoveraner weiter, technisch sehr hochstehend die drei Afrikaner auf
dem Platz, angetrieben von einem faszinierten Otto Addo. Erstmal war aber
Asamoah dran. Er wurde (nachdem der Schiri zwei Stürmerfouls generös
übersehen hatte) angespielt, stoppte den Ball mit der ganz breiten
Brust, pflügte in unwiderstehlicher Weise durch die Kickersabwehr
und sein trockener Schuß schlug im kurzen Eck ein.
Die Kickers, sichtlich vom Druck des Abstiegs befreit,
kombinierten ganz gut, brachten aber bis zur Halbzeit keine wirklich zwingenden
Torchancen mehr zustande.
Direkt nach der Pause durfte sich Bernd Klaus im Tor auszeichnen,
als er einen harten Freistoß um den Pfosten drehte. Wenige Minuten
später saß er allerdings hilflos auf dem Hosenboden, denn wie
schon beim ersten Tor hatte sich diesmal Addo einfach durch die Abwehr
durchgetankt und aus 16 m kurz und trocken die Kugel versenkt.
Hannover legte sich jetzt auf faule Haut, verlegte sich
auf reinen Konterfußball oder anders gesagt: sie bettelten um den
Ausgleich. Die Kickers rafften sich auf und berannten mit Vehemenz das
Tor der Niedersachsen. Tomi Maric, wieder agil, aber etwas glücklos,
hatte gleich drei große Torchancen und der Hannoverander Keeper mußte
des öfteren zum Entsetzen seines Krankenversicherungsagenten mit allen
Körperteilen eingreifen, um den blauen Ausgleich zu verhindern. Auch
der eingewechselte Toni Sailer konnte sich in Szene setzen. Die Hannoverander
Fans spürten, daß ihre Mannschaft Hilfe brauchte, denn mehr
als ein, zwei Konter zur Entlastung brachten sie nicht zustande.
Und weil es einen Fußballgott gibt und der gerecht
ist, schaffte Adi Kevric, durch eine schöne Bogenlampe über die
Abwehr in Szene gesetzt, den Ausgleich in der Nachspielzeit.
Das "Vision 2000 - mit Amateurtrainern zurück ins
Amateurlager"-Plakat im Fanblock macht nachdenkllich. Wird die Mannschaft
wirklich ein weiteres Jahr zweite Liga mit bis über das letzte Loch
zugezogenem Gürtel überstehen? Oder wäre es besser gewesen,
statt den Trainer zu feuern ein paar neue Sponsoren aufzutreiben? Die Zukunft
wird es zeigen.
Die Meinung zum Schiedsrichter:
Boah, sowas ist ein Bundesligaschiedsrichter? Warum pfeifen
die eigentlich immer im Waldaustadion so schlecht? In der ersten Halbzeit
wurden die Blauen einige Male klar benachteiligt, vor allem der tribünenseitige
Assistent murkste fleißig vor sich hin. In der zweiten Halbzeit steigerte
er sich kaum..
Bruddler und Spruch des Tages:
"Dünnwald raus"-Rufe bei der Ehrung von Jürgen
Klinsmann in der Halbzeitpause. Das hat der ADM im Waldaustadion, wenn
überhaupt, schon lange nicht mehr gehört.