Waldau-Gast-Bruddler zum Spiel SV Stuttgarter Kickers – SV Wehen
Irgendwann in grauer Vorzeit – es war die Saison nach einem der ersten Abstiege der Blauen Götter, dem noch einige weitere folgen sollten – hieß unser Erstrundengegner im DFB-Pokal SV Wehen.
Ein Verein aus einem Ort, dessen geographische Lage man selbst dann kaum zuordnen kann, wenn man weiß, dass Wehen zu Taunusstein gehört. Einer dieser typischen Orte, in denen bis Mitte der Neunziger die Bevölkerung am Straßenrand stand und gewunken hat, wenn der Mannschaftsbus mit den Spielern des großen SVK auf der Fahrt zu einem Auswärtsspiel zufällig diesen verlassenen Winkel des Landes passieren musste.
Jener SV Wehen besiegte damals unsere Blauen mit 2:0 und leitete damit den bis heute ungebremsten sportlichen Niedergang endgültig ein.
Heute wissen wir wo Wehen liegt. Schließlich hat man schon oft genug gegeneinander in den grauen Niederungen der Regionalliga antreten müssen. Heute winkt allerdings niemand mehr unserem Mannschaftsbus in Wehen zu. Es schlägt uns eine Mischung aus Mitleid und Häme entgegen, hat doch der SV Wehen unseren Verein längst sportlich und wirtschaftlich überflügelt.
Samstag war wieder einmal DFB-Pokal und der SVK durfte nach langen Jahren des Darbens sich endlich einmal wieder mit einem renommierten Gegner messen. Siebzig Minuten lang lag eine Sensation in der Luft, doch am Ende zahlte man bitteres Lehrgeld gegen einen Erstligisten.
Der düstere Regionalligaalltag hat uns schnell wieder eingeholt. Statt einem vollen Stadion unter dem Fernsehturm und dem HSV als Gegner, verliefen sich am Mittwochabend gegen den SV Wehen die üblichen 2.780 Verdächtigen auf den Rängen.
Doch das Pokalspiel zeigte deutliche Nachwirkungen. Irgendwie hatte man das Gefühl, die Mannschaft hätte endlich begriffen, dass es allen im Stadion wesentlich mehr Spaß macht gegen eine Profimannschaft zu kicken, anstatt sich mit deren Amateurabteilungen oder irgendwelchen kuriosen Dorfvereinen abgeben zu müssen. Nichts wie raus aus dieser erbärmlichen Regionalliga!
Mesic nach rechts auf Schlabach, der überläuft die gegnerische Abwehr und flankt nach innen. Braun nimmt mustergültig auf und hämmert zum 1:0 ein. Da waren keine 90 Sekunden gespielt. Na also, es geht doch!
Nun entwickelte sich ein Spielchen, wie man es sich wünscht und wie man auch mal eine Saison in der Regionalliga ertragen kann. Die Kickers voller Selbstvertrauen und mit stolz geschwellter Brust spielten mit ihrem Gegner Katz und Maus. Das schien eine klare Angelegenheit zu werden. Die Frage war lediglich, ob man die Wehener nun mit sechs oder sieben Kisten zurück in den Taunus schickt.
Nach starken zwanzig Minuten und unzähligen Torchancen setzte sich dann aber die Fraktion ‚90 Minuten Fußball pro Woche sind eindeutig genug’ gegenüber der Abteilung ‚Wir schießen uns den Frust der letzten fünfzehn Jahre von der Seele’ durch und da man ja schon gegen die Rothosen am Samstag 70 Minuten absolviert hatte, stellten die Blauen den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung ein.
Es kam, wie es kommen musste. Wehen übernahm das Kommando und wir konnten von Glück reden, das Yelldell endlich den ersten Unhaltbaren hielt, seit er bei der ersten Mannschaft zwischen den Pfosten stand und unser Ex-Torjäger, der wegen der besseren sportlichen Perspektive nach Wehen gewechselt war, sich erst kurz vor Schluss nach einer Ecke dazu überwinden konnte, den Ball zum verdienten Ausgleich ins Kickers-Tor zu stochern.
Hatte man gegen Trier schon fahrlässig die Chance vergeben durch einen klaren Sieg die Tabellenführung zu übernehmen, so verschenkte man nun leichtfertig die Aussicht auf Tuchfühlung zur Ligaspitze zu bleiben. Vergeben auch die Chance gegen den Klub, mit dem unser ganzes Elend begann ein deutliches Signal zu setzen. Wie schon erwähnt: Der düstere Regionalligaalltag hat uns schnell wieder eingeholt. Freuen wir uns also auf viele weitere Spiele gegen die Wehens, Nöttingens und Pfullendorfs dieser Welt.
Scheinbar hat der Pokal doch nicht genug Appetit auf größere und attraktivere Herausforderungen gemacht. Sollte sich der bei den Helden auf dem Platz irgendwann doch noch einstellen, dann haben sie schneller bei einem anderen Club unterschrieben, wie man ‚SVK’ sagen kann. In Wehen zum Beispiel, oder in Hoffenheim... demnächst auch wieder in Reutlingen, Mannheim und Ulm.
So langsam glaube ich wirklich, in diesem Leben wird das nichts mehr mit den Kickers.
Martin Schneider, aka svk4ever